African Questions

Publications of Dr. Klaus Frhr. von der Ropp

Political Observer and Consultant on Southern African Issues

Ist das südafrikanische „Wunder“ gescheitert?

Eine deutsche Sicht

Klaus Freiherr von der Ropp

„And replace it with what?“

So der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt im Mai 1977 im Gespräch mit dem damaligen US-Vizepräsidenten Walter Mondale, der geäußert hatte, der Westen müsse alles in seiner Macht Stehende tun, um Pretoria zu zwingen, seine Politik der Apartheid aufzugeben.

1. Das Apartheid-Südafrika: vom Regionalkonflikt zum Weltbrand?

Seit dem Ende des 2. Weltkrieges haben nur wenige Konflikte die internationale Staatengemeinschaft so intensiv beschäftigt wie das Ringen um die künftige Herrschaftsform Südafrikas (und Namibias). Erinnert sei hier nur an die mit zunehmender Schärfe geführten alljährlichen Debatten der UN-Vollversammlung und die für die westliche Welt immer brenzliger werdenden Streitereien im UN-Sicherheitsrat. Die Letzteren blieben allerdings immer ohne Ergebnis, da westliche Staaten, in der Regel die USA und/oder Großbritannien, die Verurteilung des in Pretoria herrschenden rassistischen Regimes durch Einlegen ihres Vetos verhinderten. Denn groß war in der westlichen Welt die Sorge, das rohstoffreiche und damals mit gut ausgerüsteten See- und Flughäfen bestückte Land könnte in den von der UdSSR beherrschten östlichen Herrschaftsbereich fallen. So war die Sorge berechtigt, das von der übergroßen schwarzen Mehrheit beherrschte neue Südafrika könnte sich mit dem seit 1980 freien Simbabwe und eben der UdSSR bei auch für die westliche Rüstungsindustrie (Stahlveredler) wichtigen Rohstoffen zu Kartellen nach dem Vorbild der OPEC zusammenschließen. Daher vertrat kein Geringerer als der führende deutsche Außen- und Sicherheitspolitiker Egon Bahr in einem Zeitungsinterview die These, der Südafrikakonflikt könne ständig zu einem 3. Weltkrieg führen.1
Ihren größten diplomatischen Erfolg erreichten die von Vereinten Nationen als solche anerkannten südafrikanischen Befreiungsbewegungen, allen voran der seit Mai l994 herrschende African National Congress (ANC) und der noch militantere Pan Africanist Congress (PAC), als die UN-Vollversammlung am 30. No-

  1. Bahr, Egon: Ohne Verhandlungslösung ist die Gefahr des dritten Weltkrieges ständig gegenwärtig, in: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 10.07.1977, S. 8.
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vember 1973 mit einer sehr großen Mehrheit die „Internationale Konvention zur Unterdrückung und Bestrafung des Verbrechens der Apartheid“ verabschiedete. So verstand sich von selbst, dass das federführende Großbritannien2 und, London folgend, die USA mit Ende des Kalten Krieges mit professioneller Diplomatie daran gingen, die bislang in Pretoria herrschenden weißen Afrikaaner zu zwingen, das in 350 Jahren gewachsene Apaıtheid-Regime aufzugeben und mit den bislang verbotenen Befreiungsbewegungen eine neue Form staatlichen Herrschens auszuhandeln. Entscheidend war für die Regierung von Margret Thatcher, dass die Sowjets seit der Wahl von Michail S. Gorbatschow zum Generalsekretär der KPdSU (1985) nicht länger auf eine revolutionäre Machtumkehr in Pretoria bestanden. Dass Pretoria, jetzt vornehmlich durch Washington mit härtesten Wirschaftssanktionen bedroht, sich in den späten 1980er Jahren den jetzt britisch-amerikanisch-sowjetischen Initiativen nicht länger widersetzte, zeichnete sich bereits ab, als Ende 1989 der altersstarre Staatspräsident P. W. Botha durch F. W. de Klerk an der Spitze des südafrikanischen Staates abgelöst wurde. De Klerk war ein ausgeprägt konservativer, aber nicht reaktionärer Politiker.

2. „Democratic niceties...“

Die Folgen waren die Entbannung des jetzt von der UdSSR im Stich gelassenen ANC und der ihm eng verbundenen South African Communist Party (SACP), des PAC und weiterer Organisationen des ganz überwiegend schwarzen Widerstandes, die Freilassung Nelson Mandelas und der anderen noch inhaftierten politischen Gefangenen und im Dezember 1991 die Einberufung einer verfassungsgebenden Versammlung, genannt Congress for a democratic South Africa (Codesa). An ihr nahm außer der Regierung de Klerk und dem ANC eine große Zahl kleinerer, manchmal bedeutungsloser Parteien teil. Die Verhandlungen dauerten etwa zwei Jahre. Für sie war zweierlei charakteristisch: Der ANC-Generalsekretär Cyril Ramaphosa, seit Anfang 2018 neuer Staatspräsident, war der alles beherrschende und alle anderen Akteure überragende Unterhändler. Turmhoch war er etwa seinen auf Verhandlungen nicht vorbereiteten Gegenspielern um de Klerk überlegen. So konzentrierte sich de Klerk nach dem Scheitern seiner ersten Ehe selbst während der Verhandlungen auf die Neuordnung seines Familienlebens. Die Rolle de Klerks war umso jämmerlicher, als er von dem von 1987 bis 1991 amtierenden britischen Botschafter Sir Robin Renwick („Sir Robin - His Excellent Excellency“) in die Verhandlungen mit der anderen Seite getrieben werden musste. Aus deutscher Perspektive ist zu ergänzen, dass deutsche Diplomaten, Parlamentarier, Vertreter der Kirchen sowie der politischen Stiftungen und

  1. Die Federführung Londons war Folge der Tatsache, dass Ende der 1980er Jahre noch zwischen 750.000 und 1.000.000 britische Staatsangehörige in Südafrika lebten. Auch verfügte Großbritannien vor allem in den Bergbau- und Bankensektoren über sehr erhebliche Investitionen. Schließlich hatten London und Washington die Sorge, die in Südafrika damals vorhandenen sechs fertiggestellten und eine weitere noch im Bau befindliche Nuklearwaffe vom Typ Hiroshima könnten in die „falschen“ Hände fallen.
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weiterer NROs jetzt wieder als Berater auftreten konnten. Zuvor war das nicht der Fall! Denn London und Washington hatten die Bundesregierung am 17. Oktober 1978 bei einer von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher initiierten Namibia/Südafrika-Konferenz in Pretoria von den entsprechenden Verhandlungsprozessen auf lange Jahre ausgeschlossen. Zuvor hatte der südafrikanische Außenminister Roelof Frederik Botha ihn schallend ausgelacht! Nie wird sich klären lassen, ob London und Pretoria ihre Politik vor dem 17. Oktober 1978 abgestimmt hatten. Das erscheint allerdings sehr wahrscheinlich, da sich beide Regierungen an der dilettantisch- opportunistischen Politik der Bonner Regierung störten.3
Allerdings war die Rolle eigentlich aller deutschen Berater eher destruktiv, da sie sich darauf beschränkten, den Südafrikanern die Übernahme des deutschen Grundgesetzes samt dessen politisch-rechtlichen Unterbaus zu empfehlen. Nie wurde von den Deutschen die sich doch aufdrängende Frage gestellt, ob die deutsche Verfassung, die jüngste und daher modernste ihrer Art, sich auf einen Staat eines völlig anderen Kulturraums übertragen lasse. Noch dazu, ganz anders als Deutschland nach 1945, auf einen Staat ohne jede rechtsstaatliche und demokratische Kultur. Einzelne deutsche Berater gingen so weit, die schlicht unsinnige These zu vertreten „You can legislate democracy into existence“. So wurde in der Tat, um den südafrikanischen Verfassungsrechtler L. M. du Plessis zu zitieren, „German Verfassungsrecht under the Southern Cross“ geboren.4
Warnungen kluger Beobachter, wie etwa die der hervorragend informierten US-amerikanischen Journalistin Patti Waldmeir, im Interesse der Stabilität des neuen Südafrika gelte die Erkenntnis, dass „democratic niceties will have to wait...“5, wurden übersehen. Dasselbe galt für die Sorge von keinem Geringeren als Francis Fukuyama, Südafrika laufe Gefahr, sich in seinem künftigen staatlichen Aufbau an den einstigen Lehrmeistern des ANC in der DDR, in Kuba und in der UdSSR zu orientieren.6 Selbst das Suchen von Egon Bahr nach „einem bislang unbekannten Modell gleichberechtigtem Zusammenlebens mit besonderem Schutz für Minderheiten“7 blieb in Südafrika und im Ausland ungehört. Gerade die hoch ausgewiesenen Staatsrechtler aus Deutschland hätten doch wissen müssen, dass ihr Land nach dem 1. Weltkrieg und ein zweites Mal, diesmal mit Er-

  1. Mit Recht wiesen vor allem die Briten darauf hin, dass Genscher und seine Mitarbeiter die immensen Schwierigkeiten vor allem des in Südafrika zu meisternden Transformationsprozesses gänzlich fremd waren. Detailliert zu dem Versagen der Bonner Politik: von der Ropp, Klaus Frhr.: Die Südafrika-Politik der Bundesrepublik Deutschland, in: van der Heyden, Ulrich/Stephan, Gerd-Rüdiger (Hrsg.): Deutsch-Südafrikanische Beziehungen. DDR - Bundesrepublik - vereintes Deutschland, Potsdam 2009, S. 56-76.
  2. Zu alledem zwei Beiträge: von Lucius, Roberıt: Beraten und Ermüden. Südafrikas Wege zur Verfassungsreform und du Plessis, Lourens Marthinus: German Verfassungsrecht under the Southern Cross. Observations on South African-German Interaction in Constitutional Scholarship in Recent History with particular reference to Constitution-making in South Africa, in: Hufen, Friedhelm (Hrsg.): Verfassungen zwischen Recht und Politik: Festschrift zum 70. Geburtstag für Hans-Peter Schneider. Baden-Baden 2008, S. 513-523 bzw. 524-536.
  3. Waldmeir, Patti: A long and winding road, in: Financial Times, 10.09.1993.
  4. Vgl. Fukuyama, Francis: The Next South Africa, in: The National Interest, Summer 1991, S. 13-28.
  5. Siehe Fn 1.
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folg, 1947-1949 und 1989/1990 nur unter sehr besonderen Umständen den Weg zur Demokratie zurückgelegt hatte. Dies unterblieb aus unerfindlichen Gründen. Es waren offenbar Ideologen am Werk! Aus heutiger Sicht ist festzuhalten, dass die wohlmeinenden Ratschläge aus Deutschland langfristig wohl kaum mehr bewirkten, als dem neuen Südafrika den Weg in die Anarchie zu weisen. Und das, obwohl eine große Zahl deutscher Parlamentarier, Bundes- und Landesbehörden, ungezählte NROs, die Bundeswehr usw. mit enormem Finanzaufwand bemüht waren, in Südafrika das zu wiederholen, was in Deutschland in der Nachkriegszeit unter völlig anderen Umständen gut gelungen war.
Aber nicht nur in Deutschland unterlag man grotesken Fehleinschätzungen. Als Beispiel sei nur angeführt, dass namhafte US-amerikanische Sicherheitspolitiker vorschlugen, neben Australien, Neuseeland, Japan und Südkorea auch Südafrika in die NATO aufzunehmen.8
Zu später Stunde unternahmen im August 1993 der jetzt federführende US-Botschafter Princeton Nathan Lyman und sein britischer Kollege, Sir Anthony Reeve, seit 1991 der Nachfolger von Renwick, eine fatale Lücke in dem verabschiedeten Verfassungsentwurf auszufüllen. Sie vermittelten den am 23. April 1994 im Union Building (Pretoria) von dem späteren Staatspräsidenten Thabo Mbeki (1999-2008), dem hochdekorierten Viersternegeneral Constand Viljoen, dem Anführer der konservativen, nicht aber reaktionären Weißen Afrikaaner, und dem blassen Chefunterhändler der Regierung de Klerk, Roelf Meyer, unterzeichneten „Accord on Afrikaner Self Determination“. Seine Unterzeichnung wurde, das sei hier eher beiläufig vermerkt, von dem deutschen Botschafter Hans-Christian Ueberschaer und seinem Stab boykottiert, von dem hochqualifizierten russischen Botschafter in Pretoria, Jewgeni Petrovich Gusarov, hingegen überschwänglich begrüßt. Obwohl er, allerdings in abgeschwächter Form, mit Artikel 235 in die Verfassung des neuen Südafrika aufgenommen wurde, scheiterte seine Implementierung. Sie scheiterte an der abgrundtiefen Zerstrittenheit des Viljoen-Lagers. Hätten die Unterzeichner des Accords Erfolg gehabt, so wäre wahrscheinlich die Verdrängung9 des Afrikaansen an Universitäten und zunehmend auch an Schulen zugunsten des Englischen unterblieben. So aber entstand ein hochgefährlicher weiterer Streitpunkt in einem auf lange Zeit noch höchst fragilen Staat.
Der große Erfolg der ersten demokratischen Wahlen, die Ende April 1994 mit einem deutlichen Sieg von ANC/SACP endeten, gaben den zuversichtlichen Beobachtern nur scheinbar Recht. Denn sie übersahen, dass deren Ergebnis nicht an den Urnen ermittelt, sondern von den teilnehmenden Parteien zuvor ausgehandelt worden war.10 Nur so waren die Verlierer dafür zu gewinnen, sich an dem Wahlgang zu beteiligen.

  1. Vgl. Daalder, Ivo/Goldgeier, James: Global NATO, in: Foreign Affairs, Nr. 9/10, New York 2006, S. 105-112.
  2. Vgl. Mathee, Heinrich: Taalbelang is stoffelijk belang! - In Südafrika ist die Sprache Afrikaans durch Einheitsenglisch bedroht, in: Deutsche Sprachwelt, Nr. 3, Erlangen 2016, S. 7.
  3. Vgl. Waldmeir, Patti/Holman, Michael: Spirit of reconciliation sweeps aside letter of vote. The election was deeply flawed, but nearly everyone likes the outcome, in: Financial Times, 07./08.5.1994.
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Aus heutiger Sicht grenzt es an ein Wunder, dass ganz wesentliche Elemente der Verfassung des neuen Südafrika bis auf den heutigen Tag fortbestehen. Von großer Bedeutung sind hier u. a. die regelmäßige und offenbar weitgehend korrekte Abhaltung von Parlaments- und sonstigen Wahlen, die bislang einwandfreie Rechtsprechung der Obergerichte und des nach deutschem Vorbild eingerichteten Verfassungsgerichts auch zu politisch heiklen Sachverhalten, der sehr erfolgreiche Fortbestand einer gut funktionierenden Zivilgesellschaft, die Medien- und allgemeine Meinungsfreiheit, ein freies Gewerkschaftswesen etc. Eindrucksvoll hat das der frühere ANC-Aktivist und heutige CEO des Goldförderers Anglo Gold Ashanti, Sipho Pityana, im Oktober 2017 in Oxford in seiner Bram-Fischer Memorial Lecture dargestellt.11
Die Atmosphäre, in der Nelson Mandela im Mai 1994 als Nachfolger von F. W. de Klerk in das Amt des Staatspräsidenten eingeführt wurde, lässt sich nur mit derjenigen vergleichen, die das Leben in Ost und West mit dem Ende des Kalten Krieges kennzeichnete. Südafrika war in einem Zustand der Trance. Apartheid-Südafrika war scheinbar über Nacht zu einer Regenbogen-Nation geworden. Es war zum bevorzugten Partner ausländischer, vielleicht weniger inländischer Investoren geworden. So gründeten in Deutschland opportunistische Unternehmen die Organisation SAFRI (Südliches Afrika-Initiative der Deutschen Wirtschaft), um Investitionen in die „Löwenstaaten“ des südlichen Afrika zu locken. Hier wurde an die „Tigerstaaten“ in Südostasien angeknüpft. Die Wirtschaft wuchs dann, worauf weiter unten eingegangen wird, - mit wenigen Ausnahmen - bis zur Weltwirtschaftskrise 2008 kontinuierlich. Die immensen Probleme der Transformation eines in 350 Jahren gewachsenen rassistischen Regimes, in den letzten 40 Jahren seines Bestehens Apartheid genannt, hin zu einem demokratischen Rechtsstaat wurden schlichtweg übersehen. In Deutschland gelang das umso besser, als alle Medien eine entsprechende Berichterstattung einstellten. Alle Welt konzentrierte sich stattdessen auf die großen Erfolge u. a. beim Ausbau der Infrastruktur. Nicht selten ließ man sich von ihnen blenden: Tausende von Kilometern inzwischen längst schadhaft gewordener Straßen, vier Millionen des Öfteren vom Tag der Fertigstellung an baufällige Sozialwohnungen, die Elektrifizierung von Wohnungen, deren Bewohner die entsprechenden Kosten häufig nicht aufbringen können, Trinkwasseraufbereitung von nicht selten mangelhafter Qualität, die großzügige Erweiterung von Universitäten und Schulen bei nachlassender Qualität des Unterrichts u. a.

3. „South Africa is again at the brink“

Auch im politisch korrekten Deutschland blieben die fatalen Folgen der von der Regierung verfolgten Politik der affirmative action weitgehend unbemerkt. Affirmative action bedeutet bis heute, dass bewährte, oft weiße, im westlichen Kap auch gemischtrassige Mitarbeiter, in der öffentlichen Verwaltung weitgehend, in der privaten Wirtschaft oft weniger rabiat, entlassen und durch nicht qualifizierte

  1. Vgl. Pityana, Sipho: Can South Africa's constitutional democracy be sustained?, in: Daily Maverick, 20.10.2017.
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schwarze Südafrikaner ersetzt werden. So wurde die Arbeitslosigkeit unter den Schwarzen, eines der existenzbedrohenden Probleme nicht nur dieses afrikanischen Staates, gemindert. Zugleich gab es mit diesem Wechsel jedoch drastische Leistungseinbrüche. Denn das alte Südafrika hatte kaum Schwarze für anspruchsvollere Aufgaben ausgebildet. Soweit das anders war, hatten Jugendliche ANC- und PAC-Aktivisten ihre beruflichen Perspektiven dadurch zerstört, dass sie der Parole „liberation first, education later“ anhingen. Und eines der ganz großen Versäumnisse des Post-Apartheid-Südafrika besteht darin, hier die Chancen eines Neubeginns nicht genutzt zu haben. Es gilt nach wie vor, was die in Apartheidzeiten lange Jahre unter Hausarrest stehende Ärztin und Bürgerrechtlerin Mamphela Ramphele in den zurückliegenden Jahren verschiedentlich feststellte. Das heutige Schulwesen ist (noch) schlechter als dasjenigen, für dessen Überwindung bei den Aufständen im Jahr 1976 viele Jugendliche starben. Hier muss der Hinweis genügen, dass das World Economic Forum die Qualität des südafrikanischen Bildungswesens auf Platz 140 von 144 untersuchten Ländern einstufte. Und die Qualität des Unterrichts in Mathematik und Naturwissenschaften gar nur auf den 143. von 144 kam12. Zurückzuführen ist das nicht auf das Erbe der Apartheid, sondern auf die unter dem Lehrpersonal heute verbreitete Disziplinlosigkeit und Vandalismus. ANC und Regierung dulden das aus Sorge, andernfalls die Unterstützung von dessen Interessenvertretung, der South African Democratic Teacher's Union (SADTU), zu verlieren. Und ihrer bedürfen die Regierenden, da sie bei der lokalen Bevölkerung großen Einfluss haben.
Auch in allen anderen Bereichen der öffentlichen Verwaltung fehlen den neuen Stelleninhabern in der Regel eine berufsgerechte Ausbildung und einschlägige Berufserfahrung. Das gilt u. a. für die Polizei, das Justizwesen, die Einwanderungskontrolle, das Zollwesen, die Krankenversorgung, die Trinkwasseraufbereitung, die Abwasserentsorgung und das Hochschulwesen. In ganzen Regionen findet eine öffentliche Verwaltung kaum noch statt. Das ist nur im ländlichen Raum dort anders, wo sie wie zu Apartheidzeiten weiterhin in den Händen von traditionellen Autoritäten (traditional chiefs) liegt, Das gilt umso mehr, als deren Kompetenz in der Ära Zuma deutlich erweitert wurde.
Das Ausbleiben öffentlicher Dienstleistungen fuhrt im neuen Südafrika Woche für Woche zu sog. service delivery stikes. Die Folge ist - vor allem in den Townships - eine weitere Brutalisierung der Gesellschaft. Dort, wo es infolge der faktischen Abschaffung der Polizei keine Ordnungshüter mehr gibt, wird letzteres durch private Sicherheitsgesellschaften oder, in den townships, durch Lynchjustiz kompensiert. Andere Ursachen hatten übrigens die Studentenunruhen, die vor allem Ende 2016 an wohl allen Universitäten des Landes zu beobachten waren und die den Hochschulbetrieb ins Chaos stürzten. Sie weckten Erinnerungen an die chaotischen Zustände während der chinesischen Kulturrevolution in den 1970er Jahren. Unter die revoltierenden Studenten mischten sich häufig Anhänger der militanten

  1. Vgl. Ramphela, Mamphele: Tell my people that I love them - and they must continue the struggle. University of Johannesburg, Centre for Education Policy Development, Solomon Mahlangu Memorial Lecture 2012.
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Economic Freedom Fighters (EFF). Die EFF ist eine 2014 unter ihrem begabten Führer Julius Malema entstandene Abspaltung vom ANC. Sie fordert die Übernahme des „Simbabweschen Modells“, d. h. des Zerstörungswerks des langjährigen simbabweschen Staatspräsidenten Robert Mugabe. Hierzu sei angemerkt, dass in der Analyse des Internationalen Währungsfonds Simbabwe zu den fünf afrikanischen Ländern zählt, denen der Staatsbankrott droht. Ähnliche Forderungen wie heute der EFF vertrat immer schon der mit dem ANC rivalisierende PAC. So auch der inzwischen verstorbene Arzt und Bürgerrechtler Nthato Motlana in einem SPIEGEL-Interview13: „Alles muss zerstört werden“, bevor das neue Südafrika zustande kommen wird. Ihrer aller Programm dürfte auch auf der Linie der Anfang 2018 verstorbenen, unter jugendlichen Schwarzen sehr gefolgschaftstarken früheren Ehefrau des ersten frei gewählten Staatspräsidenten, Winnie Mandela, liegen. Nicht unwahrscheinlich ist, das sei hier beiläufig angesprochen, dass die EFF für die Ermordung von bald 2.000 ganz überwiegend weißer Großfarmer verantwortlich ist.14 Die rebellischen Studenten und ihre Verbündeten forderten damals und werden weiterhin fordern, nicht nur die Studiengebühren, sondern auch alle Examina abzuschaffen.15 Darüber hinaus redeten sie der Abkehr von allen Relikten des vor 1994 in Teilen Südafrikas hochentwickelten Bildungswerks als „Teufelswerk“ das Wort.
Das seit Jahrzehnten renommierte liberale Johannesburger Institute of Race Relations hatte Recht, als es Anfang 2018 einem Flugblatt den Titel gab „South Afrika is again at the brink“.

4. Südafrika Wirtschaft zwischen Aufbruch und Niedergang16

Zum Ende der Apartheid befand sich die südafrikanische Volkswirtschaft in einer desolaten Verfassung. Nach Phasen starken Wachstums in den vorangegangenen Jahrzehnten zeigten die Sanktionen und der innere Widerstand gegen das Apartheid-Regime in den 1980er Jahren Wirkung. So verzeichnete die Wirtschaft im Jahrzehnt vor den ersten demokratischen Wahlen 1994 eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von gerade einmal 0,5 %, während in derselben Zeit die

  1. Der Spiegel 40/1980, S. 169-173, hier S. 169.
  2. Vgl. u. a. Grill, Bartholomäus: Wir ziehen in die letzte Schlacht, in: Die Zeit, 09.2.2012, S. 15-16; Thielke, Thilo: Der blutige Kampf um den Boden, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.4.2018, S. 3. Vgl. damit Luig, Benjamin: Die Aufgeschobene Landreform, in: Afrika Süd. Zeitschrift zum Südlichen Afrika, Nr. 5/6, Bonn 2018, S. 16-17.
  3. Vgl. u. a. van der Heyden, Ulrich: Spiel mit dem Rassismus, in: Süddeutsche Zeitung, 28.7.2016.
  4. Der unter 4. niedergeschriebene Text fußt voll auf den zahlreichen Gesprächen, die ich über Jahre mit dem Wirtschaftswissenschaftler Dr. John Endres, Johannesburg, führte. Aus Deutschland sind zu dieser Thematik vor allem die hochinformativen Beiträge von Robert Kappel zu nennen: Südafrika - Die Krisensymptome verstärken sich, in: GIGA-Focus Afrika, Nr. 7, Hamburg 2013. Ders.: Südafrika vor dem BRICS-Gipfel 2018, Berlin 2018, online verfügbar unter https://weltneuvermessung.wordpress.com/2018/03/20/suedafrika-vor-dem-brics-gipfel-2018-teil-1-armut-und-arbeitslosigkeit-steigen-deutlich-an/ (02.05.2019).
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Bevölkerung um durchschnittlich 2,1 % p. a. anwuchs. Entsprechend verarmten die Südafrikaner: Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen sank von $ 6.360 (1984) auf $ 5.424 (1993), d. h. ein Rückgang um 14 %. Auch die Staatsfinanzen befanden sich in einem maroden Zustand. Die Staatsverschuldung lag 1994 bei 48 % des BIP, die jährliche Teuerungsrate im Jahrzehnt vor 1994 weit über 10 %. In dieser Zeit fielen die ausländischen Direktinvestitionen aus - das insbesondere nach der berüchtigten „Rubikon“-Rede (August 1985) von Staatspräsident P. W. Botha. Denn darin hatte er erkennen lassen, dass seine Regierung sich außer Stande sah, die Apartheid aufzugeben.
Die am 27. April 1994 neu ins Amt gewählte Regierung des ANC und seiner „Allianzpartner“ SACP und Cosatu (Congress of South African Trade Unions) sah sich dann mit der großen Herausforderung konfrontiert, die Staatsfinanzen zurechtzurücken und der Wirtschaft des Landes neues Leben einzuhauchen. Im Rückblick auf die zwei Jahrzehnte nach dem demokratischen Wandel erscheint die Bilanz auf den ersten Blick positiv. Denn das BIP Südafrikas betrug 1994 $ 226 Milliarden, 2016 dagegen inflationsbereinigt $ 420 Milliarden, also eine annähernde Verdoppelung in 22 Jahren. Das entspricht einer jährlichen Wachstumsrate von 2,7 %. Im selben Zeitraum stieg die Bevölkerung von 41 Millionen auf 56 Millionen, also um 1,4 % pro Jahr. Im Schnitt wurden die Südafrikaner in dieser Zeit wohlhabender: Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen stieg von $ 5.747 im Jahr 1994 auf $ 7.489 im Jahr 2016, ein Zuwachs von 37 % (oder Durchschnittlich 1,4 % p. a.).
Bei näherer Betrachtung ergibt sich jedoch ein differenzierteres Bild. Der Zeitraum von 1994 bis 2018 lässt sich grob gesprochen in drei Phasen unterteilen, die in etwa mit den Amtszeiten der Präsidenten Nelson Mandela (1994-1999), Thabo Mbeki (1999-2008) und Jacob Zuma (2009-2018) Zusammenfallen.
Insbesondere bezogen auf die Außenwirtschaft war das charakteristische Merkmal der Mandela-Ära die Wiedereingliederung Südafrikas in die Weltgemeinschaft und -wirtschaft. Beziehungen, die aufgrund von Sanktionen unterbrochen worden waren, wurden wieder aufgenommen. Investoren ließen sich von dem „Wunder am Kap“ und insbesondere von Mandelas Charisma inspirieren, vielleicht blenden. Die ausländischen Direktinvestitionen nahmen Fahrt auf und lagen in der Amtszeit von Mandela um 1 % des BIP p. a., während die Wirtschaft um knapp 2,1 % p. a. wuchs. Die Finanzminister Chris Liebenberg (1994-1996) und insbesondere Trevor Manuel (1996-2009) verfolgten aggressiv und erfolgreich eine Politik der Stabilisierung des Haushalts und der Währung: Das Haushaltsdefizit wurde von 6,6 % des BIP im Jahr 1993 auf 2,1 % im Jahr 1999 gesenkt. Die Inflation wurde unter Kontrolle gebracht und lag von 1994 bis 1999 um 7 %.
Dieser Zeitraum stand im Zeichen der staatlichen Entwicklungsprogramme RDP (Reconstruction and Development Programme, 1995) sowie GEAR (Growth, Employment and Redistribution, 1996). Das Hauptaugenmerk dieser Programme lag darauf, die Wirtschaft und das Humankapital Südafrikas zu stärken, Diskriminierung von Rasse oder Geschlecht zu beenden und die Demokratie zu festigen. Im Rahmen des RDP-Programms begann der Aufbau eines sozialen Sicherheitsnetzes, was wohl als der größte Erfolg des Programms zu Werten ist

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Nelson Mandela strebte keine zweite Amtszeit an, sondern übergab 1997 den ANC-Vorsitz und 1999 das Amt des Staatspräsidenten seinem Stellvertreter Thabo Mbeki. Dieser beließ Trevor Manuel im Amt und ließ ihn seine konservative Geldpolitik fortführen. Die Teuerungsrate konnte jetzt sogar noch weiter abgesenkt werden, sie lag von 1999 bis 2008 unter 6 % p. a. Die ausländischen Direktinvestitionen verdoppelten sich auf annähernd 2 % des BIP p. a. und das Wirtschaftswachstum beschleunigte sich auf durchschnittliche 3,8 % p. a. In diese Zeit fiel auch die einzige Periode, in der die Arbeitslosigkeit, wohl das größte sozioökonomische Problem Südafrikas, gesenkt werden konnte. Die Rate fiel von 27,1 % Arbeitsstellensuchender auf immer noch erschreckende 22,4 % im Jahr 2008. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen stieg während der Amtszeit Mbekis von $ 5.688 auf $ 7.338, also um 29 % oder 2,6 % p. a. Zugleich wurde die südafrikanische Steuerbehörde (South African Revenue Service, SARS) professionalisiert und so gestärkt. So wurden die Steuereinnahmen gesteigert und für Regierungsvorhaben wie GEAR und dessen Nachfolgeprogramme verfügbar gemacht. In den Jahren 2006 und 2007 erwirtschaftete die Regierung sogar einen Haushaltsüberschuss von 0,3 % bzw. 0,7 %.
So fällt das Urteil über Mbekis Wirtschaftsmanagement unter dem Strich positiv aus. Kritisiert wird er aber für seine desaströse AIDS-Politik, die über 300.000 Südafrikaner das Leben kostete, sein Stillhalten gegenüber dem Diktator Robert Mugabe im benachbarten Simbabwe (Stichwort „quiet diplomacy“) und die Zentralisierung der Parteistrukturen unter seiner Führung.
Letztlich trug das autokratische Verhalten Mbekis mit dazu bei, dass er in einer Palastrevolte Ende 2007 gestürzt wurde. Jacob Zuma gelang es, ihn als Parteivorsitzenden abzulösen, indem er auf die Unterstützung einer Koalition setzte, in der alle von Mbeki vergrätzten Parteimitglieder zusammenfanden. Neun Monate später konnte Zuma die Parteistrukturen überzeugen, Mbeki zum Rücktritt vom Amt des Staatspräsidenten zu zwingen und Kgalema Motlanthe als Übergangspräsidenten einzusetzen. Im Anschluss an die Parlamentswahlen erlangte Zuma 2009 schließlich das Amt des Staatspräsidenten.
Schon zu Beginn seiner Amtszeit wurde klar, dass Zuma die Entwicklung seiner persönlichen Finanzen und der Machterhalt bedeutender waren als das Wohl des Landes. Ein Korruptionsskandal folgte auf den anderen: 2003 befand die Staatsanwaltschaft, dass es stichhaltige Korruptionsvorwürfe gegen ihn gebe, sah jedoch von einer Verfolgung ab. 2005 enthob Staatspräsident Mbeki seinen Vizepräsidenten Zuma des Amtes, nachdem ein Gericht befunden hatte, dass Zumas Finanzberater Shabir Shaik diesen bestochen hatte.
Unter Präsident Zuma wuchs die Wirtschaft Südafrikas zwischen 2008 und 2016 (den letzten von der Weltbank zur Verfügung gestellten Daten) um 1,4 % p. a. Das Pro-Kopf-Einkommen kam jedoch kaum von der Stelle. Es stieg von $ 7.338 im Jahr 2008 auf $ 7.489 im Jahr 2016, eine durchschnittliche jährliche Zunahme von mageren 0,2 %. Die Staatsfinanzen verschlechterten sich jedoch von Jahr zu Jahr, die Brutto-Auslandsverschuldung stieg von $ 15,4 Mrd. im Jahr 2009 auf $ 73,6 Mrd. im Dezember 2017. Die Gesamtverschuldung der nationalen Regierung explodierte förmlich und vervierfachte sich in weniger als zehn Jahren.

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Dadurch stieg sie von 26,5 % des BIP (2008) auf 53 % des BIP (2017). Die Arbeitslosigkeit erreichte einen historischen Höchstwert von 27,5 % im Jahr 2017. Noch viel höher ist sie unter den kaum qualifizierten Jugendlichen. So sind viele Townships zu Pulverfässern geworden. Ein weiteres kaum zu lösendes Problem ist die Korruption, die unter Zuma astronomische Höhen erreichte. Nach alldem überraschte es nicht, dass im April 2017 zwei der drei großen amerikanischen Rating-Agenturen, zunächst Standard & Poor's und dann auch Fitch, die Kreditwürdigkeit des Landes auf Ramschniveau herabstuften.

5. Ging alle Gewalt von den Brüdern Gupta aus?

Ausgehend von dem im April 2009 ins Amt gewählten Staatspräsidenten Jacob Zuma spannte sich seit seinem Amtsantritt ein Netz der Korruption durch Schlüsselministerien, Staatskonzerne, das öffentliche Fernsehen und andere Medien sowie unzählige weitere staatliche Institutionen. Ein mit großem Können organisiertes kriminelles Netzwerk! Sein Kern war Zuma selbst, enge Familienangehörige, zuvörderst sein Sohn Duduzane und drei Brüder einer 1993 aus Indien eingewanderten Unternehmerfamilie namens Gupta. Durch die Zusammenfassung beider Familiennamen entstand der „Firmenname“ Zuptagate. Mit dem Netzwerk kooperierende Ministerien, vornehmlich das Ministerium für staatliche Unternehmen und das Finanzministerium sowie die zentrale Steuerbehörde (SARS), bildeten die Spitze einer Parallelregierung17 - mit anderen Worten ein stiller Putsch gegen die verfassungsmäßige Ordnung. Zuptagate ernannte und entließ faktisch diese Minister. Übrigens war dieses mafiöse Netzwerk Vielleicht bereits zum Ende der Amtszeit Mbekis, des zweiten demokratisch gewählten Staatspräsidenten, in Erscheinung getreten.
Seit die ebenso fähige wie mutige Ombudsfrau Thuli Madonsela Ende 2016 den Bericht ihrer Behörde unter dem Titel „State Capture“ veröffentlichte, wurde Zuptagate zum alles beherrschenden Thema. Auch schwarze Journalisten berichteten in großer Freiheit eine Fülle von Einzelheiten. Das war sogar der Fall, als Zuptagate sich die SARS quasi einverleibte. Einmal mehr triumphierte die Freiheit der Medien. Dies alles führte bereits Anfang 2018 zum Sturz des Staatspräsidenten Zuma und zu seiner Ablösung durch den Ende 2017 als Nachfolger Zumas zum Vorsitzenden des ANC gewählten Cyril Ramaphosa. Vor seinem Sturz hatte sich Zuma lange Jahre dadurch behauptet, dass er die Spitzen der Generalstaatsanwaltschaft, der Hawks - einer Sondereinheit der Polizei zur Bekämpfung von schwerer Korruption - und des Geheimdienstes u. a. mit Personen seines (kriminellen) Vertrauens besetzte. Auch das war ein Teil von Zuptagate!

  1. Zu Zuptagate gibt es inzwischen eine Fülle von Publikationen. Aus Deutschland vor allen anderen: Gottfried Wellmer, in: Afrika Süd. Zeitschrift zum Südlichen Afrika, Nr. 1/2, 7/S und 9/ 10, Bonn 2017. Ferner Zick, Tobias: Haarsträubender Niedergang, in: Süddeutsche Zeitung, 4.11.2016. Aus Südafrika siehe vor allem: Swilling, Mark et al. (Hrsg.): Betrayal of the Promise: How South Africa is being stolen (State Capacity Research Project). ), Stellenbosch, May 2017; Pauw, Jacques: The President's Keepers. Those Keeping Zuma in Power and out of Prison, Kapstadt 2017.
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Mithilfe des Putsches wurden Verfassungs- und Schattenstaat verknüpft, um demokratische Institutionen zu persönlicher Bereicherung zu missbrauchen. Schwierigkeiten bei der Verdrängung der integren und wegen ihrer Kompetenz auch international anerkannten Finanzminister Pravin Gordhan und später Nhlanhla Nene ließen Zuma und seine Helfershelfer hier einen anderen Weg einschlagen: Die Zuständigkeit für den Regierungsentwurf für das kommende Haushaltsjahr und die Vorarbeiten für die folgenden Haushaltspläne Wurden dem Finanzminister entzogen und dem Staatspräsidenten zugeschlagen.
Über die Fachminister, die sie wie geschildert in der Hand hatten, gelang es den Familien Zuma und Gupta, ihre gleichfalls korrupten Gefolgsleute in allen Führungspositionen der ca. 300 staatseigenen Unternehmen zu platzieren. So war sichergestellt, um hier nur ein Beispiel zu nennen, dass nur solche in- und ausländischen Gesellschaften Lieferverträge u. Ä. erhielten, die häufig horrend hohe Schmiergelder an Zuptagate gezahlt hatten. Selbst international renommierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Anwaltsfirmen, Wirtschaftsberater und Banken waren bereit, solche Geldtransfers zu vertuschen. Es wurden staatseigene Unternehmen zu „vehicles for looting“. Der frühere Finanzminister Gordhan schätzt, dass so 100 Mrd. Rand (über $ 7,5 Mrd.)18 oder ein noch höherer Betrag dem Staat gestohlen wurden. Es ist kaum anzunehmen, dass es jemals möglich sein wird, diese Straftatbestände straf- und zivilrechtlich zu ahnden.

6. Die Wahl von Cyril Ramaphosa

Im Dezember 2017 kamen in Johannesburg über 5.000 Delegierte zum 54. Parteitag des seit Mai 1994 zusammen mit der SACP und Cosatu unangefochten regierenden ANC zusammen. Wichtigster Tagesordnungspunkt War nach dem Verzicht von Zuma auf eine erneute Kandidatur die Wahl eines neuen Vorsitzenden. Kandidaten waren zum einen der stellvertretende ANC-Präsident und zugleich stellvertretende Staatspräsident Cyril Ramaphosa und zum anderen Nkosazana Dlamini-Zuma („NDZ“), ehemals eine der Ehefrauen von Jacob Zuma. Beide Kandidaten hatten zuvor wichtige Partei- und Regierungsämter bekleidet. Nachdem es ihm trotz dessen Unterstützung nicht gelungen war, 1999 die Nachfolge Mandelas an der Spitze des Staates anzutreten, hatte sich Ramaphose aus der Politik zurückgezogen und war in die Wirtschaft übergewechselt. Dort hatte er abermals großen Erfolg und brachte es in kaum mehr als zwei Jahrzehnten zum US-Dollar Millionär. Dennoch gehörten jetzt in Johannesburg ANC-Delegierte, die auch Mitglieder der SACP sind, und viele wichtige Gewerkschaftler zu seinen Unterstützern. Das hinderte ihn nicht, im Streit mit seiner Rivalin einer ausgeprägt wirtschaftsfreundlichen Politik das Wort zu reden. In Abkehr von der Misswirtschaft und Korruption der Ära Zuma versprach Ramaphosa „den ANC zu waschen und zu reinigen“. NDZ, die sich u. a. auf die mächtigen Frauen- und Jugendligen des ANC

  1. Vgl. www.fin24.com/economy/sa-may-have-lost-r100bn-or-more-to-state-capture-gordhan-20180515 (02.05.2019).
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stützte, redete einer „radikalen Transformation der Wirtschaft“ das Wort. Ein weiteres Versprechen war, das „weiße Monopolkapital zu bekämpfen“. Schließlich forderte sie in Abkehr von der geltenden Verfassung die entschädigungslose Enteignung von weißem Grund und Boden im ländlichen Raum. NDZ und der starke Flügel ihrer Anhänger vertraten ein Programm, das sich kaum von dem Zerstörungswerk des Diktators Robert Mugabe im benachbarten Simbabwe unterschied. Es sollte sich von selbst verstehen, das sei hier am Rande vermerkt, dass die EFF die Vorstellung des NDZ-Flügels im ANC später lautstark unterstützte. Der Ende 2017 noch amtierende Staatspräsident Jacob Zuma unterstützte die Kandidatur von NDZ offenbar auch, um nicht nach dem absehbaren Ausscheiden aus dem Amt des Staatspräsidenten wegen Hunderter Vermögens- und anderer Straftatbestände vor Gericht gestellt zu werden.
Aus einer vielleicht korrekten Wahl ging Ramaphosa mit ca. 52 % der abstimmenden Delegierten als Sieger hervor. Wie knapp seine Mehrheit war, zeigte sich dann abermals bei der Wahl der übrigen Mitglieder des Führungsorgans der Partei, des National Executive Committee (NEC) und von dessen sechsköpfiger Spitze („top six“). Anhänger von NDZ eroberten fast 50 % der Sitze im NEC. Und unter den top six sind jeweils drei Anhänger beider Lager, mit dem stellvertretenden Vorsitzenden David Mabuza sogar ein erbitterter Gegner Ramaphosas.
Nicht hoch genug kann eingeschätzt werden, dass sich das Zuma-/NDZ-Lager in der Folgezeit zumindest zunächst in seinen weitgehenden Machtverlust fügte, mit anderen Worten selbst in seiner Hochburg KwaZulu/Natal nicht aufbegehrte. Das kann sich, ausgehend vom Elend vor allem in den schwarzen Townships, jederzeit ändern. Nicht undenkbar ist, dass mit einer Abspaltung von KwaZulu/Natal das Zerbrechen des heutigen Südafrika seinen blutigen Anfang nimmt.
Es war dann nur noch eine Formsache, dass Jacob Zuma im Februar 2018 vom Amt des Staatspräsidenten zurücktrat und Ramaphosa vom Kapstädter Parlament zu dessen Nachfolger gewählt Wurde. Schon die Zusammensetzung seines ersten Kabinetts machte deutlich, wie sehr stark der Zuma-Flügel in der Führung des ANC nach wie vor ist und welche Fesseln Ramaphosa damit angelegt sind. So sah er sich gezwungen, David Mabuza zum stellvertretenden Staatspräsidenten zu ernennen. Ferner betraute er Malusi Gigaba, eine Schlüsselfigur von Zuptagate, NDZ und etliche ihrer Sympathisanten mit wichtigen Ressorts. Auf der anderen Seite gelang es ihm, auch erbitterte Gegner von Zuptagate mit Schlüsselministerien zu betrauen, z. B. kehrte Finanzminister N. Nene in sein altes Ressort zurück und Pravin Gordhan übertrug er die Leitung des Ministeriums für Staatseigene Unternehmen und damit die politische Verantwortung für die Rückabwicklung von Kernbereichen von Zuptagate.
Bereits in seiner ersten „Ansprache zur Lage der Nation“ musste Ramaphosa die zuvor erwähnten Fesseln erkennen lassen. So sprach er von der Möglichkeit, die Mitte der 1990er Jahre verabschiedete demokratische Verfassung seines Landes dahingehend zu ändern oder auszulegen, dass künftig weiße Farmen entschädigungslos verstaatlicht werden können. Das allerdings mit den Einschränkungen, dass dadurch weder die Gesamtwirtschaft noch die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln beeinträchtigt werden. Es verstand sich von selbst, dass die EFF diesen Gedanken aufgriff. So konnte das Kapstädter Parlament sein Constitutional Review

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Committee (CRC) beauftragen, mittels landesweiter, teils öffentlicher Anhörungen die Sicht der Bevölkerung zu alledem zu erkunden.19 Unter den Gegnern dieser möglichen neuen Politik ist die Sorge verbreitet, dass sie sich im Lauf der Zeit nicht nur auf weiße Großfarmen beschränken, sondern, wie vor Jahren schon in Simbabwe, auf alles weiße Eigentum in (noch) privater Hand erstrecken wird.
Schon die Möglichkeit einer solchen Änderung der Verfassung führte 2017/18 in allen Sektoren der modernen Volkswirtschaft zu großer Verunsicherung, um nicht zu sagen zu blankem Entsetzen.
Der zu erwartende Widerstand der einheimischen und ausländischen Wirtschaft gegen eine solche Neuorientierung der Politik mag erklären, dass die Ergebnisse und Empfehlungen der Arbeit des CRC nicht, wie ursprünglich geplant, Ende August 2018 vorgelegt werden konnten. Das ist auch Anfang Oktober 2018, dem Zeitpunkt des Abschlusses dieses Manuskripts, nicht der Fall. Es kann allerdings bereits jetzt dahingehend spekuliert werden, dass ein Umbruch in der Politik Südafrikas auf Dauer sehr viel wahrscheinlicher ist als sein Ausbleiben. Umso mehr drängt sich die provokante Frage von Robert Kappel - ohne Zweifel der beste deutsche Kenner der südafrikanischen Volkswirtschaft - auf, mit der er seinen im Frühjahr 2018 erschienenen Aufsatz überschrieb.20

7. Wankt Südafrika aus der Krise?

Es ist ausgeschlossen, sie bereits heute zu beantworten. Natürlich bleiben außer den Erkenntnissen und Empfehlungen der Arbeiten des CRC die Wahlen von Ende April 2019 abzuwarten. Eines lässt sich bereits heute mit großer Sicherheit sagen: Wenn überhaupt ein Südafrikaner, welcher ethnischen Zugehörigkeit auch immer, die Fähigkeit hat, das eben nicht nur in der Ära Zuma zerstörte Land wiederaufzubauen, so ist das Staatspräsident Cyril Ramaphosa.
Außer den angesprochenen Herausforderungen wird sich ihm eine weitere kaum lösbare Aufgabe stellen: Die in den letzten 25 Jahren eingetretene Destabilisierung und wiederum extreme rassische Polarisierung lassen die Stellung der drei ethnischen Minderheiten noch prekärer erscheinen. Dabei sollte, anders als dies nicht nur in Deutschland geschieht, nicht übersehen werden, dass die weiße Minderheit unverändert über Chaosmacht verfügt. Schon deshalb ist ihrer Existenzangst Rechnung zu tragen.
In den zurückliegenden 25 Jahren sind die bis 1994 herrschenden Weißen Afrikaaner zu Fremden im eigenen Land geworden. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen! In Voraussicht von alledem prognostizierte der Künstler und langjährige politische Häftling Breyten Breytenbach schon vor Jahren in einem Interview

  1. Siehe vor allem Jeffery, Anthea: Empowering the State/Impoverishing the People, Johannesburg 2018.
  2. Kappel, Robert: Wankt Südafrika aus der Krise?, in: Afrika Süd. Zeitschrift zum Südlichen Afrika, Nr. 2, Bonn 2018, S. 42-43.
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mit der französischen Tageszeitung „Le Monde“ „que l'Afrique du Sud va bientôt explorer les variantes infinies de la barbarie“21.
Dieselbe Sorge ließ ihn zusammen mit dem liberalen afrikaansen Dissidenten Van Zyl Slabbert den oben bereits erwähnten „Accord on Afrika(a)ner Self-Determination“ vom 23. April l994 formulieren. Sie knüpfen damit an das von dem Verfasser vermittelte Suchen Egon Bahrs nach einer Lösung sui generis für das Post-Apartheid-Südafrika an.
Gleichfalls an Egon Bahr anknüpfend hatte der südafrikaerfahrene FDP-Politiker und spätere Präsident von Liberal International, Otto Graf Lambsdorff, l98622 einer „sacrificial particion“ (Slabbert), einer Teilung des Landes auf Kosten der Weißen, das Wort geredet.23
Seit Jahren schon suchte die Bürgerrechtsbewegung AfriForum/Solidariteit im Verborgenen nach der Schaffung eines selbstständigen Staates für diejenigen Weißen und/oder braunen, Afrikaaner, die im schwarzbeherrschten Südafrika eine Zukunft für sich und ihrer Kinder nicht mehr sehen. Gut vorstellbar ist, dass im Rahmen der Auswertung der Ergebnisse der Arbeit des CRC in aller Offenheit über eine solche Teilung debattiert wird. Wer nicht bereit ist, in einem etwa Codesa II genannten Verhandlungsprozess dieses Zugeständnis an die Weißen zu machen, der trägt zur völligen Zerstörung des einst hochentwickelten Landes, mit anderen Worten zu den von Breytenbach vor gut einem Vierteljahrhundert prognostizierten „variantes infinies de la barbarie“ bei.

  1. Afrique du Sud/L'écrivain Breyten Breytenbach dénonce „culture stalinienne“ de l'ANC, in: Le Monde, 05.06.1991.
  2. Lambsdorff, Otto Graf: Teilung Südafrikas als Ausweg; in: Quick, 31.07.1986, S. 32.
  3. von der Ropp, Klaus Frhr.: Ope brief aan 'n oorlede vriend. Het Orania 'n kans?, (mit einem Vorwort von Generaal Constand Viljoen), Vgl. http://www.oraniablog.co.za/ope-brief-aan-n-oorlede-vriend-het-orania-n-kans/, 1. März 2017 im Anschluss an Blenck, Jürgen/von der Ropp, Klaus Frhr.: Republik Südafrika. Teilung als Ausweg?, in: Aussenpolitik. Zeitschrift für internationale Fragen, Nr. 3, Hamburg 1976, S. 308-324.
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